Szenarien sind Beschreibungen, die Situationen antizipieren, in denen Menschen informationstechnische Systeme nutzen. Die meistens in natürlicher Sprache gehaltene Beschreibung ist häufig idealisiert und episodenhaft, aber konkret in Hinblick auf Inhalt und Form des Geschehens in der jeweiligen Situation. Sie muss so abgefasst sein, dass sie von den künftigen Benutzern und anderen Beteiligten, die mit Spezifikationstechniken des SE nicht vertraut sind, verstanden wird.
Das hier zugrunde liegende Verständnis ist nicht vollständig deckungsgleich mit dem Szenariobegriff der UML (Unified Modeling Language), in der Szenarien Pfade innerhalb von Use cases darstellen. Hierauf wird weiter unten noch näher eingegangen.
Szenarien spielen immer in einem klar definierten Kontext, einer festgelegten Umgebung, die einleitend vorgestellt wird. Im Zentrum eines Szenarios steht generell mindestens eine handelnde Person, die ein Ziel anstrebt oder eine Aufgabe zu lösen hat. Vielfach wird allerdings von den Tätigkeiten einer konkreten Person abstrahiert und nur deren funktionale Rolle dargestellt. Szenarien beschreiben einen möglichen Handlungsstrang, der aus Sequenzen von Aktionen und Ereignissen besteht. Eine derartige Sequenz kann sowohl eine Normalsituation als auch eine Ausnahmesituation zum Inhalt haben. Die eingenommene Perspektive ist die des Anwenders mit seinen in der Situation relevanten Absichten, ggf. ergänzt um Hintergrundinformationen wie individuelle Interessen und Vorwissen.
Szenarien können anhand ihrer Nutzung, ihres Inhalts, ihrer Form und ihres Lifecycles charakterisiert werden.
Es ist nicht erforderlich, dass das im Szenario zugrunde gelegte System auch tatsächlich (schon) existiert, seine Leistungen und sein Verhalten werden in diesem Fall vom Verfasser des Szenarios lediglich antizipiert. Szenarien dieser Art stehen am Anfang des Entwicklungsprozesses und enthalten somit eine Vision von Funktionalität und Verhalten des künftigen Systems (s. Beispiel 1). Ziel dabei ist es, anderen Beteiligten am Entwicklungs- und Entscheidungsprozess über das künftige System frühzeitig ein anschauliches Bild über die eigenen Vorstellungen zu vermitteln und sie so in die Lage zu versetzen, kompetent an der konkreten Ausgestaltung des Systems mitzuwirken.
Szenarien werden aber auch eingesetzt, wenn es bereits System-Prototypen gibt. Dann beschreiben sie i.d.R. konkrete Aufgaben, die authentische Benutzer aus der Domäne probeweise lösen sollen (s. Beispiel 2). Durch Beobachtung und Analyse der Aufgabenbearbeitung am Prototypen wird die Angemessenheit der derzeitigen Lösung evaluiert.